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Schönheiten im Visier

 

Einmal einen Löwen schießen – für nicht wenige ein echter Lebenstraum. Sogar in Deutschland gibt es Reiseanbieter, die mit mehrwöchigen Elefanten-Safaris werben – Trophäe inklusive. Doch nicht nur der Jagdtourismus ist in Afrika, wo hiermit Einnahmen in Millionenhöhe erzielt werden, ein ernsthaftes Problem. Auch der Handel mit Pelz und Elfenbein boomt nach wie vor. Während Elefanten und Nashörner in Massen illegal abgeschlachtet werden, geraten Raubkatzen vor allem aus rituellen und medizinischen Gründen ins Visier der Jäger. Vor allem das Blut der schönen Wildkatzen gilt im asiatischen Raum in Sachen Lust und Leidenschaft als natürliches Wundermittel. Konkrete Zahlen zu finden, ist dabei schwer. Laut WWF hat die Wilderei in Südafrika zwischen 2007 und 2016 um 80% zugenommen. Alleine im Jahr 2013 wurden hier über 65 Tonnen Elfenbein beschlagnahmt. Traurigerweise ist dies nur die Spitze des Eisbergs, denn die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch sehr viel höher.

Doch nicht nur exotische Tiere stehen auf der Abschussliste. Auch hier in Deutschland stellt Wilderei zunehmen ein Problem dar. Besonders seit der Rückkehr von Luchsen und Wölfen mehren sich die Fälle der illegalen Wildtiertötung.

Ursprünglich war es hierzulande jedem gestattet, in den Wäldern auf die Jagd zu gehen und heimisches Wild zu erlegen. Dies bot zum Einen eine Möglichkeit, die Familie zu ernähren. Andererseits sahen Bauern sich zur damaligen Zeit gezwungen, ihren Besitz vor Raubtieren wie dem Wolf zu schützen, der bis zu seiner Ausrottung im 18. Jahrhundert in den deutschen Wäldern heimisch war. Als der Adel im Laufe des Mittelalters die Jagd jedoch als vergnügliche Sportart für sich entdeckte, wurde dies dem einfachen Volk schließlich vollends verboten. Alle vormals legalen Jäger galten vor dem Gesetz von nun an als Verbrecher und nicht wenige gerieten auf diese Weise in ernsthafte Hungersnöte. Kein Wunder also, dass Vagabunde wie Robin Hood in der Landesbevölkerung als echte Helden gefeiert wurden. Vor allem der gefahrenbehaftete Betrug an der Obrigkeit imponierte vielen.

Trotz der Abschaffung des adeligen Jagdprivilegs im Zuge der deutschen Revolution von 1848 steht das Töten von Wildtieren auch heute noch unter Strafe. In Deutschland wird dies gesetzlich durch § 292 des StGB geregelt. Das Jagen von Wildtieren ist somit keineswegs ein Kavaliersdelikt. Ganz im Gegenteil: Bei einem besonders schweren Tatbestand, der beispielsweise dann besteht, wenn diese gesetzeswidrige Form des Jagens gewerblich oder in der Schonzeit ausgeübt wird, kann ein Freiheitsentzug von bis zu fünf Jahren verhängt werden. Dennoch gibt es Menschen, die nicht vor Wilderei zurückschrecken. Ob dies in der eher mäßigen Strafverfolgung begründet liegt? Aus Sicht des WWF besteht in Deutschland, was die Aufklärung von Artenschutzkriminalität betrifft, enormer Nachholbedarf. Wegen des fehlenden Fachpersonals bei Polizei und Behörden werden die Täter in den meisten Fällen nämlich nicht gefasst.

Ebenso wie in Afrika und Asien fällt es auch hier in Deutschland schwer, das tatsächliche Ausmaß der Wilderei festzustellen. Fakt ist jedoch, dass illegale Jäger es in erster Linie auf Raubtiere abgesehen haben. Dazu gehören die bereits genannten Arten von Wolf und Luchs, ebenso aber auch Fischotter und Greifvögel aller Art. Insgesamt sind seit dem Jahr 2000 19 Fälle bekannt, in denen Wölfe erschossen und teilweise sogar geköpft wurden. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Manche treibt der Wunsch nach einer seltenen Jagdtrophäe fürs Wohnzimmer, andere fürchten Übergriffe auf Nutz- und wilde Beutetiere. Aber auch der schiere Hass auf die wiederkehrenden Räuber kommt als Tatmotiv in Frage. Ein Anzeichen dafür ist die teilweise sehr brutale Vorgehensweise, denn des Öfteren werden die Tiere nicht einfach getötet, sondern außerdem anschließend verstümmelt und verscharrt. Gespeist wird das sogenannte „Rotkäppchen-Syndrom“ durch das traditionell verbreitete Bild des großen, bösen Wolfes, das jedoch keineswegs der Wirklichkeit entspricht. Tatsache ist, dass bisher kein aggressiver Angriff eines Wolfes auf den Menschen vorgekommen ist.

Anders als der Wolf konnte sich der Luchs bisher nicht so zahlreich wiederansiedeln. Trotzdem wurden innerhalb der letzten Jahre auch hier mehrere Fälle der Wilderei registriert. Auffällig hoch ist dabei die Zahl trächtiger Luchsweibchen, die durch Giftköder oder Schrotschüsse umkamen. Und auch in Österreich kam im Sommer 2013 eine Luchsmutter auf grausamste Weise ums Leben: Mitsamt ihres Nachwuchses wurde sie in einen mit Steinen beschwerten Plastiksack gesteckt und zum Ertrinken in den Fluss geworfen. Ein Versuch, das „Problem“ im Keim zu ersticken?

Zumindest im Werra-Meißner-Kreis scheint die Rückkehr der schönen Raubkatzen mit Begeisterung und Wohlwollen beobachtet zu werden, denn bisher sind in der Region keinerlei Tötungen von Luchsen bekannt. Bereits in den Neunzigerjahren wurden im südlichen Kreisgebiet gelegentlich Sichtungen der schönen Raubkatzen gemeldet, nachdem der Luchs am Ende des 19. Jahrhunderts als ausgerottet galt. Im Januar 2013 konnte sogar bei Hessisch Lichtenau sogar der erste Luchsnachwuchs offiziell bestätigt werden. Die Tiere zeigen sich dabei des Öfteren alles andere als scheu, sodass zahlreiche Foto- und Videoaufnahmen entstehen konnten. Im September 2012 beobachtete eine Luchsmutter zusammen mit ihren zwei Jungtieren sogar ganz gespannt einige Waldarbeiter beim Holzeinschlag. Dieses beinah zutrauliche Verhalten legt nahe, dass es sich bei den älteren Tieren im Werra-Meißner-Kreis um von der Hand aufgezogene Luchse handelt, so der Arbeitskreis Hessenluchs auf seiner Website. Im aktuellen Luchsbericht von 2017 ist von insgesamt 112 Nachweisen die Rede. Durch das Luchsprojekt der Universität Göttingen konnten aber lediglich zwei Individuen, genannt Felux und Yuki, durch Fotofallenmonitorings abgelichtet werden. Felux, der erstmals im November 2014 identifiziert werden konnte, streift vor allem durch das Gebiet zwischen Kaufunger Wald und Spangenberg. Bei dem ebenfalls männlichen Yuki handelt es sich um einen Einwanderer aus dem Harz, der ebenso wie Felux im Winter im Kaufunger Wald unterwegs war. Inzwischen hat er seinen Aktionsradius in den Kreis Hersfeld-Rotenburg verlagert.

Um den Konflikt zwischen Mensch und Wild zunehmend harmonisch zu gestalten, erhielt die Uni Göttingen kürzlich eine Förderung von rund 35.000 Euro. Das Geld, das der Abteilung für Naturschutzbiologie zugute kommt, trägt zur Einstellungsverbesserung gegenüber Raubtieren und somit auch der generellen Reduzierung von Wilderei bei. Bleibt zu hoffen, dass damit nicht nur theoretische Überlegungen gefördert werden, sondern auch jene etwas von der Hilfe spüren, die sich selbst nicht wehren können – nämlich die Tiere. (Noelle Bölling)