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Internationale Fachtagung DIPLOMA

Prof. Gabriele Kokott-Weidenfeld während ihres Vortrags mit dem Titel „Geflohene Kinder und Familien als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit

Migration und Integration – diese Begriffe sind spätestens seit der sogenannten „Flüchtlingswelle“ von 2015 in aller Munde. An der DIPLOMA Fachhochschule nahm man sich am Montag und Dienstag, den 13. und 14. November im Rahmen einer Fachtagung unter dem Titel „Soziale Arbeit und Migration im Ländervergleich Russland & Deutschland“ dieser heiklen Themen an und diskutierte in insgesamt 15 Vorträgen und Workshops die aktuell bestehenden Problematiken.
Unter den Rendern waren unter anderem Prof. Gabriele Kokott-Weidenfeld und Prof. Dr. Kurt-Peter Merk, die beide als Dozenten für rechtliche Grundlagen der Sozialen Arbeit an der DIPLOMA Hochschule tätig sind. In ihrem Vortrag berichteten sie über die rechtlichen Schwierigkeiten, denen sich Sozialarbeiter bezüglich des Umgangs mit geflohenen Minderjährigen gegenübergestellt sehen. Von allen Geflüchteten, die 2015 nach Deutschland kamen, war ein Drittel unter 25 Jahre alt. Und obwohl die Asylanträge von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen inzwischen immerhin zu 90% bearbeitet sind, um auf diese Weise schnellstmöglich eine klare Zukunftsperspektive bieten zu können, gestaltet sich die tatsächliche Arbeit alles andere als einfach. In der Realität stoßen die geltenden rechtlichen Bestimmungen nämlich an vielen Punkten einander, weshalb eine Verletzung der europäischen Asylrechtsverordnung in Deutschland leider an der Tagesordnung ist. Problematisch ist dabei, dass ein Flüchtlingskind, das vor dem Sozialgesetz wie jedes andere Kind ein Anrecht auf Förderung und Schutz hat, gleichzeitig auch von einer asylrechtlichen Seite aus betrachtet werden muss. Prof. Dr. Merk führt diesbezüglich ein Beispiel an, das die vorherrschende Problematik eindrucksvoll auf den Punkt brachte. So berichtete er von einem jungen Mädchen, das vor seiner zwanghaften Beschneidung aus Afrika ohne elterliche Begleitung nach Deutschland geflohen war. Da die Behörden stets bestrebt sind, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wieder mit ihrer Familie zusammenzubringen, überließ man das Mädchen seinem Onkel – und dieser brachte es zu seiner Beschneidung wieder zurück nach Afrika. Wie sich zeigt, ist es kaum möglich, die einzelnen Schicksale auf dem einfachsten Wege zu lösen. Aus diesem Grund ist die Soziale Arbeit gegenwärtig auch von so großer Bedeutung. Die Fachkräfte sind nämlich dafür zuständig, von Fall zu Fall von einem möglichst menschenrechtlichen Punkt aus eine Entscheidung zu treffen.
Ebenso problematisch ist der Umgang von minderjährig Verheirateten, denn während in westlichen Ländern eine Eheschließung meist erst ab dem 18. Lebensjahr möglich ist, gehört dies in anderen Teilen der Erde schon sehr viel früher zur Normalität. Doch wie soll hier in Deutschland mit Ehepaaren umgegangen werden, die nicht einmal volljährig sind? Um dieser Fragestellung eine rechtliche Grundlage zu schaffen, wurde im Sommer diesen Jahres ein Gesetz beschlossen, das der Bekämpfung von Kinderehen dienen soll. Infolgedessen werden Ehen nicht mehr anerkannt, wenn einer der beiden Partner unter 16 Jahre alt ist. Noch komplizierter wird die Bearbeitung derartiger Fälle allerdings, wenn außerdem bereits ein Kind aus dieser Ehe entstanden ist. Prof. Kokott-Weidenfeld empfahl an dieser Stelle nicht immer direkt den Weg der Bestrafung einzuschlagen, sondern stattdessen individuell und moralisch zu entscheiden. Dafür braucht es allerdings geschultes Fachpersonal und darin waren sich sowohl Prof. Kokott-Weidenfeld, als auch Prof. Dr. Merk eindeutig einig.
Dass das Feld der Sozialen Arbeit so wichtig ist wie nie zuvor, hat man an der DIPLOMA Fachhochschule längst erkannt. Aus diesem Grund entschied man hier auch ganz bewusst, den Fokus von klassischen Fächern wie beispielsweise BWL mehr und mehr in den Sektor von Gesundheit und Sozialem zu verlagern. Die Zusammenarbeit mit der russischen Universität MGOU, die 1931 als pädagogisches Institut im Gebiet Moskau gegründet wurde, ist dabei ein besonderer Zugewinn, sagt Hochschulpräsidentin Prof. Dr. Michaela Zilling. Ebenso wie in Deutschland, wo besonders nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges oder auch während des Bestehens der DDR mehrere Millionen Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland Zuflucht suchten, beschäftigt man sich auch in Russland intensiv mit den Themen Integration und Migration. Nach dem Zerfall der UdSSR wiesen im Jahr 2016 Studien zufolge rund 22% der russischen Bevölkerung einen Migrationshintergrund auf. Ähnlich der syrischen Flüchtlinge, die innerhalb der letzten Jahre aufgrund von Krieg und schlechten Zukunftsperspektiven ihre Heimat verließen, hofften auch Bürger der ehemaligen UdSSR in Russland auf ein besseres Leben. Dieser Zustrom aus Ländern wie Usbekistan oder Kasachstan hält bis heute an. Paradoxerweise ist gleichzeitig eine Gegenbewegung zu verzeichnen, bei der Professoren und andere Mitglieder des Bildungsbürgertums gen Westen abwandern. Wie sich zeigt, ist Migration also in allen Teilen der Welt ein wichtiges Thema. Und die Soziale Arbeit bildet dabei ein zentrales Instrumentarium, um die ankommenden Menschen bestmöglich in die Gesellschaft zu integrieren.
„Wir können noch viel voneinander lernen“, meint Dr. Valeryi Makarchenko von der MGOU im Gespräch. Seine Kollegin Prof. Dr. phil. Natalya Komarova berichtet weiterhin: „Die Planungen für diese Tagung haben bereits vor einem Jahr begonnen. Deshalb sind wir auch sehr froh, endlich hier zu sein und damit die Möglichkeit zu haben, unsere unterschiedlichen Erfahrungen miteinander zu teilen.“ Doch mit dem Ende des Fachkongresses soll noch lange nicht Schluss sein: Stattdessen wird eine weiterführende Zusammenarbeit zwischen der DIPLOMA Fachhochschule und der MGOU angestrebt, bei der es vor allem darum gehen soll, gemeinsam neue Konzepte zu entwickeln, damit die Arbeit mit Flüchtlingen in Zukunft noch besser und menschenrechtsfreundlicher gestaltet werden kann“.