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Tabuthema: Sexualität und geistige Behinderung

Obwohl Begriffe wie Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Inklusion in aller Munde sind, gestaltet sich die Umsetzung in Wirklichkeit immer noch sehr schwierig. Vor allem Menschen mit einer geistigen Behinderung spüren dies jeden Tag. Erst kürzlich ist die Debatte um Spätabtreibungen wieder aufgeflammt, die bei Babys mit Down-Syndrom bis wenige Tage vor der Geburt erlaubt sind. Kaum jemand traut sich, öffentlich über dieses heikle Thema zu sprechen – bis auf Natalie Dedreux. Die junge Frau, die selbst mit dieser Genmutation lebt, meldete sich im Rahmen des Wahlkampfes in der ARD-„Wahlarena“ zu Wort und konfrontierte Angela Merkel mit der Tatsache, dass in Deutschland neun von zehn Babys mit Down-Syndrom abgetrieben werden. Ihre Frage, wie die Bundeskanzlerin zu diesen Zahlen stehe, schloss sie mit den Worten: „Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben.“

Innerhalb der letzten Jahrzehnte hat sich viel getan. Während Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung zu Zeiten des Dritten Reiches noch als „unwertes Leben“ galten, steht ihre Gleichberechtigung heute fest in unserem Grundgesetz verankert. Mit der Behindertenrechtskonvention wurde dann im Jahr 2009 ein weiterer wichtiger Meilenstein gelegt. Das Ziel dieses Beschlusses besteht darin, Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung insofern individuell zu fördern, als dass jedem Einzelnen ein Leben unter „normalen“ Gesellschaftsbedingungen möglich ist. Das bedeutet, dass jeder – unabhängig von seiner geistigen oder körperlichen Verfassung – ein Recht darauf hat, zur Schule, in einen Verein und arbeiten zu gehen, um seine Persönlichkeit auf diese Weise frei entfalten zu können.

In der Theorie ist die Förderung von Menschen mit Handicap also ganz wunderbar gelöst. Trotzdem entscheiden sich immer noch so viele Eltern gegen ein Kind mit geistiger Behinderung und die Gründe dafür sind vielfältig. Ein weit verbreitetes Tabu betrifft dabei die Sexualität dieser Menschen, deren Ergründung ebenso wie bei jedem anderen zum Erwachsenwerden dazu gehört. Die Auslebung dieser theoretischen Freiheit gestaltet sich jedoch häufig sehr schwierig. Während „normal“ entwickelte Kinder meist schon durch ältere Geschwister, das Internet und auch den Sexualkunde-Unterricht in der Schule an das Thema herangeführt werden, liegt der Fokus bei Kindern mit einer Behinderung viel mehr auf ihrer medizinischen Versorgung. Auch werden sie oft in einer separaten Einrichtung unterrichtet und können nur schwer Freundschaften knüpfen, da ihre Schulkameraden weiter entfernt wohnen. Bei all dem sind sie stets von ihren Eltern oder anderen Aufsichtspersonen abhängig, die sie aufgrund ihres erhöhten Bedarfs an Fürsorge und Pflege häufig als „ewiges Kind“ betrachten. Themen wie Liebe und Sexualität kommen da schlichtweg zu kurz.
In der Hilfs- und Forschungsliteratur ist man sich jedoch darüber einig, dass die Lösung für eine „erfolgreich“ ausgelebte Sexualität in erster Linie in einer umfassenden Aufklärung liegt. Dass diese in der Vergangenheit vernachlässigt wurde, spiegelt sich unmittelbar in Studien wider, in denen Betroffene zu ihrem Wissen über Sexualität befragt wurden. Dabei gaben mehr als die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer an, nicht aufgeklärt zu sein oder konnten Fragen dazu nicht einordnen. Und auch den Zusammenhang von Geschlechtsakt und der Zeugung eines Kindes konnte nur die Hälfte der weiblichen Befragten benennen. Bei den Männern waren es nur knappe 40%. Noch weniger von ihnen, nämlich gerade einmal 18%, wussten überhaupt, wie man ein Kondom verwendet. In Anbetracht dieser Zahlen ist es leider nicht verwunderlich, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung in der Vergangenheit nicht selten Opfer von sexuellem Missbrauch wurden. Aufgrund der dauerhaften pflegerischen Betreuung können viele nicht einmal einschätzen, ab wann eine sexuelle Grenzüberschreitung stattfindet.

Um zumindest einer ungewollten Schwangerschaft vorzubeugen, gehört es zur Tagesordnung, Frauen mit einer geistigen Behinderung die Pille zu verschreiben, ohne dabei zu berücksichtigen, ob diese Verhütungsmethode überhaupt den Ansprüchen entspricht. Ebenso zählt die Sterilisation auch heute noch zu den gängigen Methoden, obwohl es sich, rechtlich gesehen, dabei um einen äußerst problematischen Eingriff handeln kann. Während dieser beispielsweise in der Schweiz noch bis in die 1980er Jahre gegen den Willen der betroffenen Person durchgeführt werden durfte, ist die eigenständige Einwilligung dieser heute unbedingte Voraussetzung. Doch wie soll man über etwas entscheiden, wenn man kaum einschätzen kann, was das volle Ausmaß einer Sterilisation bedeutet?

Wie sich zeigt, kommt die Tabuisierung der Sexualität von Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht von ungefähr. Doch gerade dieses Verschweigen von biologischen Zusammenhängen und menschlichen Bedürfnissen ist es, das diese Menschen davon abhält, ihr eigenes Leben frei zu gestalten. Der Wunsch nach Zuneigung und Intimität ist etwas ganz Natürliches, wobei es nicht immer nur um Lustbefriedigung allein geht. Sexualität ist ebenso ein Ausdruck sozialen Verhaltens, der bereits in der Verbindung zwischen Mutter und Säugling stattfindet. Liebe hat viele Facetten. Und dass die Auslebung der Sexualität viele Schwierigkeiten birgt, ist nicht zu leugnen. Aber wie bei allem im Leben ist es wichtig, diese nicht aus Scham oder Dergleichen unter den Teppich zu kehren. Neben den gesetzlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sind vor allem Ehrlichkeit und Offenheit die beiden Grundvoraussetzungen, damit auch die eigene Sexualität für Menschen mit Handicap irgendwann zur Normalität werden kann.

– Noelle Bölling –