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Zero Waste: Eine neue Lebensphilosophie

Jeder, der gelegentlich Nachrichten schaut, kennt sie: Diese erschreckenden Bilder von Meeresschildkröten und anderen Tieren, die sich in Plastikmüll verheddert haben und qualvoll verenden müssen. Doch nur die wenigsten tun etwas dagegen. In Deutschland haben wir pro Kopf ein Müllaufkommen von über 600 Tonnen jährlich. Damit belegen wir innerhalb der EU den zweiten Platz hinter Dänemark. Und obwohl Plastiktüten inzwischen in vielen Supermärkten komplett abgeschafft wurden, landet immer noch massenhaft Abfall in der Natur. Jedes Jahr gelangen ca. 200.000 Tonnen allein in Nord- und Ostsee, wobei rund 60% des Meeresmülls aus Plastik besteht. Eine Chipstüte, die achtlos am Strand hinterlassen wurde, benötigt dabei satte 80 Jahre, um zu verrotten. Bei einer PET-Flasche dauert dies über fünfmal so lange.

All das sind Zahlen, die wir sicher nicht im Kopf haben, wenn wir uns in der Mittagspause einen dreifach verpackten Salat aus der Frischetheke gönnen, und auch dann nicht, wenn wir den 195. Werbekuli mitgehen lassen. Doch vielleicht ist genau jetzt der Zeitpunkt, wo wir damit anfangen sollten. Oder möchten wir wirklich, dass unsere Ururenkel am Strand zwischen unserem alten Müll spielen müssen?

Während wir noch über Pausenbrote aus der Tupperdose nachdenken, gibt es Menschen, die wirklich etwas bewegen wollen und zwar, indem sie keinen Abfall, der normalerweise in der Restmülltonne landen würde, produzieren und somit auch keine Rohstoffe verschwenden. „Zero Waste“ nennt sich diese Anti-Müll-Bewegung, die auf den sogenannten sechs Rs aufbaut: Refuse, Reduce, Reuse, Repair, Recycle und Rot. Bewusster Konsum ist dabei in erster Linie das Stichwort, denn nicht nur Plastikmüll wird häufig ohne Bedenken in Massen produziert. Auch von unseren eingekauften Lebensmitteln landen im Monat rund 30% in der Tonne. Wer sich hier also etwas mehr mit seinem Konsumverhalten auseinander setzt, Mahlzeiten plant und mit Einkaufszettel in den Supermarkt geht, kann nicht nur Ressourcen sondern auch bares Geld sparen. An unserem blinden Kaufwahn sind allerdings nicht nur wir allein schuld, denn auch Industrie und Wirtschaft tragen einen großen Teil zur gegenwärtigen Wegwerfgesellschaft bei. Werbeprospekte und raffiniert platzierte Angebote vor Ort suggerieren uns den Eindruck, dass wir dies und jenes brauchen und zwar unbedingt und ganz viel. Aber auch Elektrogeräte, die bei unseren Großeltern seit dem zweiten Weltkrieg treue Dienste leisten, geben heute schon sehr viel schneller den Geist auf. Ob Drucker, Waschmaschine oder Mobiltelefon – viele dieser Produkte tragen einen eingebauten Kaputt-Schalter in sich, der meistens genau dann umgelegt wird, wenn die Garantie erlischt. Aus diesem Grund plädieren Zero-Waste-Anhänger auch dafür, eine Reparatur zu versuchen, die sich heute dank Youtube-Videos oft auch ganz leicht von zuhause aus machen lässt. Muss jedoch wirklich mal etwas Neues her, dann sollte es gebraucht gekauft oder auch geliehen werden. Flohmärkte und Second-Hand-Läden zählen dabei zu den Topadressen. Und was dann noch übrig bleibt, wird ganz einfach selbst gemacht. Ideen und Anleitungen gibt es im Internet zuhauf und damit schwindet auch die letzte Ausrede, so etwas wie Zahnpasta oder Shampoo noch in Plastik verpackt im Supermarkt zu kaufen.

Das Zero-Waste-Konzept ist nichts für Faule. Umso besser also, dass es zumindest in manchen Punkten immer einfacher wird, diesen Lifestyle durchzuhalten. Während man sich beispielsweise auf Pinterest von unzähligen Re- und Upcyclern inspirieren lassen kann, bieten Food-Sharing-Apps die Möglichkeit, per Smartphone übrig gebliebene Lebensmittel an andere weiterzugeben. Mit OHNE hat in München außerdem der erste verpackungsfreie Supermarkt eröffnet, in dem man Nudeln, Reis und Co. in mitgebrachte Behältnisse selbst abfüllen kann. Das vermeidet nicht nur Müll, sondern macht es nebenbei auch möglich, nur so viel einzukaufen, wie man wirklich braucht.

Werden alle genannten Gebote eingehalten, entsteht bestenfalls ein geschlossener Ressourcenkreislauf, bei dem nichts mehr verschwendet wird. Und dass das sogar mit Kindern möglich ist, zeigt der Blog einer fünfköpfigen Familie, die unter www.zerowastefamilie.de ihre Erlebnisse und Tipps mit der Welt teilen. Doch auch wer nicht auf Beautyprodukte aus der Drogerie und die neuste Technik verzichten will, sieht nun vielleicht ein, dass es manchmal gar nicht so schwer ist, ein wenig mehr Verantwortung für unseren Planeten zu übernehmen.

– Noelle Bölling –