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„Es war einmal“ im Werra-Meißner-Land

© ODW-Bautzen_pixelio.de

Es war einmal – mit diesen berühmten Worten beginnen zahlreiche der Grimm‘schen Märchen, die bis heute nicht an Beliebtheit verloren haben. Disney-Streifen wie „Rapunzel – neu verföhnt“ oder auch die US-TV-Serie „Once upon a Time“ beweisen, dass die von den Brüdern Grimm zusammengetragenen Geschichten immer wieder aufs Neue interpretiert werden können und auf diese Weise niemals langweilig werden. Viele dieser Märchen, haben ihre Herkunft in unserer Region – so heißt es zumindest.

Doch war es wirklich die Sababurg, in der Dornröschen einst in ihren hundertjährigen Schlaf fiel? Und wie kamen ausgerechnet die beiden Brüder dazu, Märchen wie das von der verwunschenen Prinzessin aufzuschreiben?
Wie so oft, entwickelte sich das Interesse von Jacob und Wilhelm Grimm für die deutsche Sprache eher zufällig. Da sich die Mutter nämlich eine juristische Karriere für die beiden wünschte, schickte sie sie im Herbst 1798 zu ihrer Tante nach Kassel, wo sie sich bessere Bildungschancen für ihre ältesten Söhne erhoffte. Nachdem sie hier das Friedrichsgymnasium besucht hatten, gingen sie anschließend nach Marburg, um an der dortigen Philipps-Universität Rechtswissenschaften zu studieren – ganz so, wie ihre Mama es sich vorgestellt hatte. Ihr Lehrer Friedrich Carl von Savigny nahm die beiden Brüder, die als sehr belesen und wissbegierig galten, unter seine Fittiche und erlaubte ihnen den Zugang zu seiner Privatbibliothek, wo er ihnen Werke aus der Romantik und des Minnesangs näher brachte. Allmählich begannen sie, sich mit der Entwicklung der deutschsprachigen Literatur auseinanderzusetzen, wobei auch die Schriften Herders über die Herkunft der Sprache und Volkslieder einen wesentlichen Einfluss auf Jacob und Wilhelm Grimm ausübten. Und anstatt sich ihrem eigentlichen Studiengebiet zu widmen, begründeten sie auf diesem Wege die Grundlagen der Germanistik, in der sie heutzutage als „Gründungsväter“ gefeiert werden.
Zu ihrer Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ gelangten sie ebenso durch Zufall. Denn über ihren Lehrer Friedrich Carl von Savigny lernten sie den deutschen Romantiker Clemens Brentano kennen, der zu dieser Zeit damit beschäftigt war, unter dem Titel „Des Knaben Wunderhorn“ verschiedene Volkslieder zusammenzutragen. In seinem Auftrag suchten die Brüder Grimm von Kassel aus ebenfalls nach Märchen, die sie entweder aus Büchern abschrieben oder aber aus mündlicher Überlieferung erfuhren. Von der Märchenfigur Frau Holle erzählte ihnen beispielsweise Henriette Dorothea Wild, die Wilhelm Grimm, der jüngere der beiden Brüder, 1825 sogar heiratete.
Glaubt man den Erzählungen um Frau Holle, so war sie vor allem den braven Mädchen wohlgesonnen, die sie ebenso wie die Goldmarie für ihren Fleiß reich beschenkte. Kein Wunder also, dass noch bis in die 1930er-Jahre junge Mädchen aus der gesamten Umgebung zum Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner kamen, um ihr Spiegelbild im trüben Wasser zu betrachten. Der Legende zufolge befindet sich nämlich unter der Oberfläche des unendlich tiefen Teiches der Eingang zum Frau-Holle-Reich, der ebenso als Ursprung und Rückzugsort aller neugeborenen und verstorbenen Seelen interpretiert wurde. Obwohl auch die Brüder Grimm im 19. Jahrhundert hier her kamen und den Frau-Holle-Teich mit all seinen Geschichten in ihren „Deutschen Sagen“ aufnahmen, ist das Märchen um die sagenumwobene Frauengestalt jedoch schon sehr viel älter. Tatsächlich geht die Figur nämlich wahrscheinlich auf die Sagengestalt Perchta zurück, deren Name sich möglicherweise vom althochdeutschen ‚peraht‘ abgeleitet hat, was so viel wie ‚die Glänzende‘ bedeutet. Ebenso wie Frau Holle ist auch sie die Hüterin der Fleißigen und Ungeborenen, ihre Bestrafungsmethoden gestalten sich andersherum aber sehr viel brutaler. Während die Pechmarie für ihre Faulheit mit der schwarz-klebrigen Soße übergossen wurde, schlitzt die Perchta, deren Ursprung sogar schon in der Zeit der Kelten liegen könnte, ihre Opfer auch mal auf und versenkt sie mit Steinen gefüllt in einem Brunnen.

Ähnlich verhält es sich mit Dornröschen, der schönen Prinzessin, die in einen hundert Jahre andauernden Schlaf fällt, nachdem sie sich an der Spindel der bösen Fee Malefiz gestochen hat. Die nordhessische Sababurg, die sich gerne mit dem Titel „Dornröschenschloss“ schmückt, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts ebenfalls von den Brüdern Grimm besucht, die kurz zuvor von dem Märchen erfahren hatten. Nach ihrer Besetzung während des Dreißigjährigen Krieges war die Burg ebenso wie die verwunschene Prinzessin in einen sehr, sehr langen Schlaf gefallen. Märchenforschern zufolge ist die Figur jedoch noch sehr viel älter als die aus dem 14. Jahrhundert stammende Burg im nordhessischen Reinhardswald und geht auf die Merowinger-Königin Brünhild zurück, die bereits 800 Jahre zuvor gelebt hatte.
Wie sich zeigt, ist es nahezu unmöglich, die Märchen zu verorten, die noch heute unzählige Touristen in unser märchenhaftes Nordhessen lockt. Denn obwohl jedes Kind die Geschichten um Dornröschen, die sieben Zwerge oder Hänsel und Gretel kennt, liegen die Ursprünge dieser märchenhaften Gestalten meist in noch sehr viel fernerer Vorzeit. Dank der über Jahrhunderte fortgeführten mündlichen Überlieferung wurde aus der grausigen Perchta allmählich die schöne, junge Frau Holle und aus der Mittelalterkönigin Brünhild das schlafende Dornröschen. Den Brüder Grimm haben wir es allerdings zu verdanken, dass all diese Geschichten, die man sich von Norden bis Süden und vom Atlantik bis hin zum schwarzen Meer erzählte, für alle Ewigkeit festgehalten sind. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.