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Tabuthema Transgender

The symbol of the transgender in hands on a cardboard plate, covering (hiding) the face.

Wie muss es sein, beim Blick in den Spiegel einer völlig fremden Person gegenüberzustehen? Hunderttausende kennen dieses Gefühl ganz genau, denn sie wurden im falschen Körper geboren. Ursprünglich wurde für Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht nur unzureichend oder gar nicht identifizieren können, der Begriff „Transgender“ verwendet. Diese Bezeichnung wurde durch die US-Amerikanerin Virginia Prince geprägt, die durch ihr 1960 erstmals erschienenes Magazin „Transvestia“ einen bedeutenden Beitrag zur Transgender-Bewegung leistete. Prince wurde 1912 als Junge geboren und begann bereits in jungen Jahren, die Kleider ihrer Mutter zu tragen. Später lebte sie ihren Transvestitismus ganz offen aus. In den USA ermöglichte dies bereits in den 1980ern einen gender-politischen Diskurs, wohingegen in Europa diese Thematik erst rund ein Jahrzehnt später öffentlich angesprochen wurde. Inzwischen dient die Bezeichnung „Transgender“ als Oberbegriff für alle, die eine eindeutige Geschlechtszuweisung ablehnen. Dazu gehören neben bekannten Drag Queens wie beispielsweise Olivia Jones auch Trans- und Intersexuelle.

Inter- oder Transsexuell?
Wie sich zeigt, sind die Begrifflichkeiten hier äußerst vielfältig. Während zum Beispiel die Travestie unabhängig von der sexuellen Orientierung eine Kunstform des Transvestitismus bezeichnet, bei der für eine Bühnenrolle das andere Geschlecht durch das Tragen spezifisch männlicher oder weiblicher Kleidung angenommen wird, ohne meist aber einen vollständigen Wechsel anzustreben, empfinden Transsexuelle ihr biologisches Geschlecht als gänzlich falsch. Ihnen reicht es nicht aus, ihrer tatsächlichen Identität durch das Tragen von Kleidung oder Perücken Ausdruck zu verleihen. Trotz ihrer gegensätzliche Gefühle bemühen sich viele dieser Menschen jahre- oder sogar jahrzehntelang darum, den gesellschaftlich akzeptierten Geschlechterrollen zu entsprechen. Dies ist für sie oft sehr belastend, weshalb nicht selten psychische Probleme, ebenso wie psychosomatisch bedingte Krankheitsbilder aus diesem Anpassungszwang resultieren.
Die Gewissheit, Transgender zu sein, stellt sich bei Betroffenen zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem Leben ein. Manche können schon sehr früh verbalisieren, dass sie sich nicht als Mädchen oder als Junge begreifen und stellen sich im Kindergarten oder bei der Einschulung als Leonie vor, obwohl sie eigentlich als Max geboren wurden. Andere brauchen für ein derartiges Outing etwas länger. Spätestens in der Pubertät verspüren die meistens Trans-Jugendlichen aber das starke Bedürfnis, ihre wahre Identität vor Familie und Freunden preiszugeben. Der Grund hierfür besteht in den Veränderungen, die der Körper in dieser Zeit durchläuft. Dazu zählen unter anderem Bart- und Brustwachstum, aber auch das Einsetzen der Periode und der Stimmbruch. Das biologische Ziel dahinter ist natürlich die vollständige Entwicklung zur Frau oder zum Mann. Von den Betroffenen werden diese körperlichen Veränderungen jedoch meist mit Scham und Ablehnung erlebt. Viele empfinden sogar einen so großen Ekel vor ihrem eigenen Körper, dass sie sich selbst nicht anschauen können und zum Anziehen oder Duschen eine Augenbinde tragen. Ein normales Heranwachsen ist unter diesen Umständen nahezu undenkbar. Und für die meisten nimmt der innere Druck irgendwann derart unerträgliche Maße an, dass sie sich ihrem sozialen Umfeld anvertrauen, in der Hoffnung, auf diese Weise die äußere Hülle, die sie für sich als falsch empfinden, letztendlich ablegen zu können.

Bearded Man with Red Lipstick on His Lips and Nail Polish Making Silence Gesture

Wenn der Sohn plötzlich zur Tochter wird
Doch wie geht man als Familienmitglied mit so etwas um? Oft fällt es Eltern schwer, den Wunsch ihres Kindes, von nun an als Mädchen oder als Junge leben zu wollen, zu akzeptieren. Ein Grund hierfür besteht in der Ablehnung des Namens oder vergangener Erinnerungen. Für Vater und Mutter fühlt sich dies jedoch wie der Verlust ihres Kindes an, den sie tatenlos von außen mit anschauen müssen. Andererseits beobachten sie häufig aber auch, wie es ihrem Sohn oder ihrer Tochter allmählich besser zu gehen beginnt, weil sie sich endlich entsprechend ihrer tatsächlichen Identität entwickeln können. Die Wahrnehmung der Geschlechter gestaltet sich unter den Betroffenen allerdings sehr unterschiedlich. Nicht jedes Mädchen, das als Junge geboren wurde, mag zwangsläufig Prinzessin Lillifee, Zöpfe und Kleidchen. Andere hingegen haben eine ganz klare Vorstellung davon, was typisch männlich oder typisch weiblich ist und möchten unter allen Umständen einen Bart, Brüste oder lange Haare. Dies macht deutlich, wie sehr unsere Wahrnehmung von klischeehaften Rollenbildern beeinflusst wird. Und aus eben diesen Klischees resultiert auch die Angst, von der Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden.
Wie können Ärzte und Eltern sicher gehen, dass es sich bei der Ablehnung des biologischen Geschlechts nicht bloß um eine Phase handelt? Sicher hoffen dies viele Eltern. Tatsächlich bedarf es jedoch extrem viel Mut, um sich seinem sozialen Umfeld gegenüber auf diese Weise öffnen zu können. Das wissen auch die behandelnden Ärzte. Daher sei es auch ein größeres Risiko, nichts zu tun, als mit einer etwaigen Fehlbehandlung zu beginnen. Die Pubertät stellt einen körperlichen Wandel dar, der unumkehrbar ist. Hat beispielsweise der Stimmbruch erst einmal begonnen, ist eine weiblichere Stimme nicht mehr für die Betroffenen erreichbar und würde ihnen dementsprechend eine gänzlich Umsetzung ihres inneres Ichs für alle Zeit verwehren. Davon abgesehen ist eine Angleichung des Geschlechts auch mit einem sehr großen juristischen und medizinischen Aufwand verbunden, den höchstwahrscheinlich niemand leichtfertig auf sich nimmt.

Adam und Eva:
Mann und Frau in Perfektion
Intersexualität hingegen beschreibt Menschen, die sich aufgrund ihrer genetischen, anatomischen oder hormonellen Merkmale nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen. Inzwischen empfinden aber viele der Betroffene und auch viele Ärzte die Bezeichnung als trans- oder intersexuell als veraltet. Denn tatsächlich hat die Ablehnung des eigenen biologischen Geschlechts nichts mit Sexualität zu tun. Stattdessen geht es um die innere Wahrheit, die gefühlte Identität.
Intersexualität ist keine neumodische Erscheinung. Es gibt sie schon genauso lange wie die Menschheit selbst. In buddhistischen oder antiken Kulturen war die Verehrung intersexueller Menschen nichts Ungewöhnliches, da hier die Überwindung der Geschlechtergrenzen als göttlich interpretiert wurde. So lassen sich beispielsweise Statuen aus dem alten Rom nennen, die sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. Eine strikte Aufteilung erfolgte erst im Zuge der Christianisierung, wobei das Bildnis von Adam und Eva eine wesentliche Rolle spielt. Für ein drittes Geschlecht ist hier offensichtlich kein Platz vorgesehen, weshalb die Thematik zunehmend tabuisiert wurde. Dabei ist die Geburt eines intersexuellen Babys gar nicht so selten, wie man vielleicht meint: Allein in Deutschland leben Schätzungen zufolge über 82.500 intersexuelle Menschen. Mit der endgültigen Abschaffung des sogenannten „Zwitterparagrafen“, der in Preußen ab 1794 gesetzlich regelte, dass intersexuell geborene Menschen mit ihrer Volljährigkeit selbst entscheiden durften, ob sie als Mann oder als Frau leben wollten, war von nun an eine eindeutige Bestimmung als Mädchen oder Junge in das Geburtsregister vorgesehen. Dies stellte betroffene Eltern jahrzehntelang vor eine mehr als schwierige Entscheidung, schließlich kann zu diesem frühen Zeitpunkt der Entwicklung niemand vorhersagen, als was sich das Kind später selbst einmal begreifen wird. Die neuen Möglichkeiten, die die voranschreitende Medizin zusätzlich bot, führte außerdem dazu, dass ab den 1960er Jahren geschlechtsangleichende Operationen bei Kindern häufig bereits im Neugeborenenalter durchgeführt wurden. Neben dem rechtlichen Zwang, ein eindeutiges Geschlecht zu bestimmen, setzen damals wie heute besonders die Reaktionen des sozialen Umfeldes die Eltern eines intersexuellen Babys unter Druck, denn schon die scheinbar einfache Frage „Was ist es denn? Mädchen oder Junge?“ ist für sie nicht ohne Weiteres zu beantworten. Ein Gesetzesänderung aus dem Jahr 2013 regelt nun immerhin, dass das Geschlecht eines Neugeborenen im Register offen gelassen werden kann. Eine Eintragung als intersexuell – also eines dritten Geschlechts – ist jedoch nach wie vor nicht möglich.

Eine Laune der Natur?
Die tatsächlichen Ursachen und Wirkungen von Intersexualität und etwaigen Angleichungsmaßnahmen sind bis heute nicht abschließend geklärt, da keine Langzeitstudien vorliegen. Trotzdem ist man sich heute über einige Faktoren im Klaren, die eine Inter- oder Transsexualität bewirken können. Zum Einen kann ein chromosomaler Defekt dazu führen, dass eine normale Entwicklung entsprechend der beiden Genotypen XX (weiblich) oder XY (männlich) nicht stattfinden kann. Bei Betroffenen mit dem sogenannten Turner-Syndrom, bei dem das Geschlechtschromosomenpaar statt dem normalen XX nur ein X enthält, werden sowohl die inneren als auch die äußeren Geschlechtsorgane weiblich ausgebildet, die Geschlechtsreife tritt abschließend jedoch nicht ein. Bei dem Klinefelter-Syndrom hingegen entsteht während des Trennungsvorgangs der Chromosomen ein dreifach gepaartes Geschlechtschromosom vom Typ XXY. Hier ist das äußere und innere Erscheinungsbild vorwiegend männlich, durch die verringerte Testosteronproduktion kann der Körper in der Pubertät jedoch nicht die typischen Merkmale ausbauen. Doch auch angeborene Mangelerscheinungen oder Gen-Defekte können zu einer gestörten Sexualentwicklung führen. So kann beispielsweise bei einem Embryo mit der männlichen Chromosomenverteilung XY eine Störung der Androgen-Rezeptoren dazu führen, dass das vom Hoden gebildete Testosteron, das zur Entwicklung des Penis notwendig ist, nicht umgesetzt werden kann. Je nach Störungsgrad entwickelt sich entweder ein Geschlechtsorgan, das sich nicht eindeutig zuordnen lässt oder es kommt zur vollständigen Ausprägung einer weiblichen Vagina.
Besonders viel Aufsehen erregte der Fall der südafrikanischen Mittelstreckenläuferin Caster Semenya, die bei der WM in Berlin im Jahr 2009 mit ihrer persönlichen Bestzeit die Goldmedaille gewann. Bereits im Vorfeld wurde vermutet, die Sportlerin könnte intersexuell sein. Obwohl der Leichtathletikverband IAAF ein Startverbot zunächst ablehnte, ordnete er schließlich doch einen Geschlechtstest der Südafrikanerin an, was vor allem aus menschenrechtlicher Perspektive stark kritisiert wurde. Zwar wurden die medizinischen Unterlagen vertraulich behandelt, dennoch ließ IAAF-Generalsekretär Pierre Weiss anklingen, dass es sich bei Semenya eventuell nicht zu 100% um eine „richtige“ Frau handele. Seit 2010 darf die Läuferin wieder bei den Frauen starten.

Erziehung oder Kopfsache?
Unsere Wahrnehmung von weiblich und männlich ist sehr stark durch gesellschaftliche Normen geprägt. Doch nicht die geschlechterspezifische Erziehung allein entscheidet darüber, als was wir uns fühlen. Dies bewies der Fall des kleinen Zwillingsjungen Bruce Reimer, dessen Penis bei einer Beschneidung im Jahr 1967 inoperabel verletzt wurde. John Money, der seinerzeit in den USA als klinischer Psychologe und Sexualwissenschaftler gefeiert wurde, riet den Eltern dazu, ihren Sohn zu einem Mädchen umoperieren zu lassen und ihn dementsprechend zu erziehen. Er betrachtete dies als einmalige Gelegenheit, im Rahmen einer Zwillingsstudie zu beobachten, ob sich die beiden Jungen unterschiedlich voneinander entwickeln würden. Dieses perverse Experiment ging jedoch entsetzlich schief: Bruce, der nun Brenda genannt und ab dem 12. Lebensjahr mit weiblichen Hormonen behandelt wurde, fügte sich nicht in seine Rolle als Mädchen ein. Als er mit 14 erfuhr, dass er als Junge geboren worden war, ließ er die Geschlechtsangleichung rückgängig machen, doch auch als Mann fand er keinen inneren Frieden. 2004 beging er Selbstmord. Zwei Jahre zuvor war sein Zwillingsbruder durch eine Überdosis ums Leben gekommen.
Wissenschaftler haben inzwischen außerdem herausgefunden, dass sich das männliche und das weibliche Gehirn in einigen Punkten maßgeblich voneinander unterscheiden. So berichtet Prof. Dick Swaab, der als Neurobiologe an der Universität Amsterdam die Grundlagen unserer Identität als Mann und Frau erforscht, dass das männliche Gehirn zwar größer ist und fokussierter arbeiten kann, das weibliche hingegen aktiver ist und durch die engere Verbindung der beiden Hirnhälften für eine bessere Auswertung von Informationen sorgt. Es ist zu vermuten, dass sich hinter diesen Tatsachen der Grund für eine Transidentität verbirgt. In seinen Untersuchungen hat Swaab Regionen im Hypothalamus entdeckt, die dafür verantwortlich sind, ob wir uns als Mann oder als Frau fühlen. Die Entwicklung der äußerlichen und inneren Geschlechtsmerkmale sagt nichts darüber aus, wie es im Gehirn eines jeden Menschen aussieht. So kann die Ausbildung der inneren und äußeren Geschlechtsmerkmale eindeutig sein, die Entwicklung des Gehirns hat jedoch in die entgegengesetzte Richtung stattgefunden, weshalb das biologische Geschlecht als falsch empfunden wird. So spricht Prof. Swaab vom perfekten Mann und der perfekten Frau dann, wenn gefühlte und biologische Identität übereinstimmen – unabhängig von Penis, Vagina oder Chromosomen.
Noëlle Bölling