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Unterschätzt und undefinierbar

Unter einer Laktoseintoleranz, Pollenallergie oder Glutenunverträglichkeit leidet inzwischen gefühlt jeder Zweite. Und tatsächlich: Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien sind in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft fast schon zu etwas wie Modekrankheiten geworden, die durch unser scheinbar schönes Leben begünstigt werden. Burnout gehört ebenfalls dazu – auch wenn dies offiziell immer noch nicht als Krankheit anerkannt ist. Aber warum ist das so? Und was sind die Gründe für diese kaum greifbare Erkrankung?

Das Gift im Blut
Der Hauptauslöser für das sogenannte Burnout-Syndrom ist Stress. Doch was ist Stress überhaupt? Medizinisch betrachtet, verbirgt sich dahinter eine geistige und körperliche Reaktion des Organismus auf spezifische Anforderungen seiner äußeren Umwelt. Sehen wir uns mit einer vermeintlichen Gefahr konfrontiert, reagiert der Körper darauf, indem er das Stresshormon Cortisol ausschüttet. Für unsere Vorfahren war das in Zeiten von Säbelzahntiger und Co. äußerst nützlich. Um die Flucht ergreifen zu können, werden Herz- und Lungen verstärkt durchblutet. Die Funktion von Organen, die in solchen Situationen weniger wichtig sind, wird hingegen gehemmt. Früher war diese Reaktion überlebenswichtig. Seit wilde Tiere jedoch nur noch selten auf der Straße anzutreffen sind, ist die explosionsartige Ausschüttung solcher Stresshormone eher überflüssig geworden. Trotzdem reagiert unser Körper immer noch auf dieselbe Weise, wobei dauerhaft anhaltender Stress zu einer Überproduktion an Cortisol führt – und das macht krank.

Umfragen zufolge erfüllen heutzutage bis zu ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung Kriterien, aufgrund derer sie einer Risikogruppe für die Erkrankung an Burnout zugeordnet werden können. Häufiger betroffen sind Alleinstehende, da ihnen der nötige familiäre Rückhalt oft fehlt. Wissenschaftler haben inzwischen allerdings herausgefunden, dass nicht nur die äußeren Umstände eine ausschlaggebende Rolle spielen, denn es gibt tatsächlich so etwas wie ein Burnout-Gen, welches darüber entscheidet, wie gut wir mit Stress umgehen können. Das bedeutet, dass manche Menschen einfach anfälliger dafür sind als andere.

Wenn Geld allein nicht glücklich macht
Dass eine erschöpfungsbedingte Depression wirklich jeden treffen kann, hat auch der Fall des schwedischen DJ Avicii kürzlich bewiesen. Tim Bergling, wie er richtig hieß, hatte scheinbar alles: Ruhm, Geld und das große Glück, das machen zu können, was ihn wirklich erfüllte, nämlich Musik. Doch die Schattenseiten des Erfolgs machte den eigentlich schüchternen, jungen Mann mehr und mehr kaputt. Die nur wenige Wochen vor seinem Tod auf dem Steaming-Dienst Netflix veröffentlichte Dokumentation „True Stories“ zeigt eindrucksvoll, wie die nervenaufreibenden Live-Auftritte und der stetige Leistungsdruck Bergling allmählich krankmachten – und zwar körperlich wie psychisch. Schon zu Zeiten der Videoaufzeichnung sagte er voraus, dass ihn dieser Stress eines Tages umbringen würde. Obwohl der DJ und Produzent, der 1989 in Stockholm geboren wurde, sich bereits 2016 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, konnte er letztendlich keinen Frieden finden und nahm sich am 20. April diesen Jahres vermutlich selbst das Leben.

Gab es Burnout schon immer? Oder handelt es sich hierbei tatsächlich bloß um einen neumodischen Gesellschaftstrend? Sicher war früher die Arbeit nicht leichter. Als sich der Begriff in den 60er und 70er Jahren zu etablieren begann, wurde dieser zumeist ausschließlich im Zusammenhang mit Pflegeberufen verwendet. Heutzutage ist klar, dass Burnout alle Schichten der Gesellschaft betrifft. Fest steht, dass die Begleiterscheinungen unserer vollvernetzten und digitalen Welt Burnout-Faktoren zusätzlich begünstigen. Die ständige Erreichbarkeit und die Auflösung von distanzbedingten Barrieren haben dafür gesorgt, dass wir einerseits kaum noch abschalten können und andererseits immerzu das Gefühl haben, ersetzbar zu sein. Beugen wir uns auch am Samstagabend nicht den immerwährenden Anforderungen des Jobs, sitzt am Montag vielleicht schon jemand anderes an unserem Schreibtisch. Dies zeigt, dass Unternehmen auch heute noch wie Fabriken funktionieren, in denen es einzig und allein um Produktivität geht. Auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter wird dabei nur selten eingegangen.

Der Leistungsdruck steigt
Dass im Arbeitsalltag beinahe Übermenschliches gefordert wird, hat auch Lukas* am eigenen Leib erfahren müssen. Nach seinem Abitur zog er berufsbedingt nach Hamburg, wo er bereits drei Tage nach der mündlichen Prüfung seiner Ausbildung im Einzelhandel die Verantwortung für seine erste Filiale übernahm. Zwölf-Stunden-Schichten waren hier keine Seltenheit – und das oft an sechs Tagen in der Woche. Anfangs wurde ihm für diese Leistung noch viel Unterstützung entgegen gebracht, doch als der Verkaufsleiter wechselte, wurde er stattdessen nur noch mit Missbilligung und Vorwürfen konfrontiert. Nahezu unerträglich wurde die Situation für ihn, nachdem er einen Überfall auf seine Filiale miterleben musste. Von diesem Tag an plagten ihn regelmäßig Albträume und auch nach Feierabend war es ihm unmöglich, die hohen Erwartungen und die Verantwortung, die er tagtäglich trug, zu vergessen. Anstatt in dieser stressigen Zeit auf seine Bedürfnisse einzugehen, erhielt er seitens seines Chefs weitere Anschuldigungen und sogar Drohungen. Eine zumindest zwischenzeitige Lösung fand er nur noch in der Krankschreibung durch seinen Arzt.

Die Symptome, die Lukas dabei bemerkte, sind ganz typisch. Betroffene erleben ein Gefühl der emotionalen und körperlichen Erschöpfung. Außerdem entwickeln sie häufig eine depersonalisierte Einstellung gegenüber Menschen, die im Rahmen des Jobs betreut werden, wie beispielsweise Kunden, Patienten oder Schüler, da die Psyche auf diese Weise versucht, eine emotionale Distanz zu schaffen. Darüber hinaus kann oft auch eine verminderte Leistungsfähigkeit festgestellt werden, die mit einem Gefühl der Wirkungslosigkeit eingeht. Um diese negativen Empfindungen unter Kontrolle zu behalten und gleichzeitig weiterhin produktiv zu bleiben, flüchten sich nicht wenige in den Konsum von Alkohol oder Drogen.

Ein Leiden, das selbst Experten rätseln lässt
Auch in Göttingen wird das Burnout-Syndrom erforscht. Das dortige deutsche Primatenzentrum untersucht einerseits die biochemischen Ursachen von Stress und andererseits, welche Folgen dies langfristig auf den Körper hat. Durch die konstante Ausschüttung des Stresshormons Cortisol wird die Weiterleitung elektrischer Impulse im Hirn gestört. Das führt zu einer Störung der Konzentration, ebenso wie zu Erinnerungslücken. Doch diese ständige Alarmbereitschaft hat noch weitaus mehr Auswirkungen auf den Körper, als man zunächst vielleicht denkt. Dadurch, dass das ausgeschüttete Cortisol besonders Herz und Lungen in Wallungen versetzt, kann es zu Problemen mit Verdauung oder Sexualität kommen. Auch ein generelles Gefühl der Kraftlosigkeit, Herzrasen und Enge in der Brust werden häufig als Begleiterscheinungen genannt. Ebenso problematisch sind die Schlafstörungen, die der Dauerstress verursacht. Münchner Forscher versuchen im Schlaflabor herauszufinden, woran es liegt, dass Betroffene aus dem nächtlichen Schlaf keine Erholung mehr ziehen können. Anhand der Messung von Hirnströmen hat sich hierbei gezeigt, dass übermäßige Phasen des intensiven Träumens ein Indiz dafür sein können, dass der Patient an einem Burnout oder einer Depression leiden oder womöglich zukünftig daran erkranken könnte. Anstatt durchs Schlafen die Energiespeicher wieder aufzuladen, arbeitet das stressgeplagte Hirn dieser Menschen auch nachts auf Hochtouren, was zur Folge hat, dass das Gefühl der Erschöpfung auch beim Klingeln des Weckers nicht verschwunden ist.

Trotz aller Bemühungen stehen Ärzte und Betroffene dem Krankheitsbild häufig immer noch gleichermaßen ratlos gegenüber. Der Grund hierfür besteht in der sehr individuellen Ausprägung, denn nicht jeder weist dieselben Symptome auf oder nimmt die Situation, in der er sich befindet, gleich wahr, weshalb es bis heute keine allgemeingültige Definition für das Burnout-Syndrom gibt. Dementsprechend schwierig ist es, eine eindeutige Diagnose zu stellen – geschweige denn eine zielführende Behandlung zu verschreiben. In vielen Therapien wird versucht, in den Patienten die Freude am sinnfreien Tun wiederzuerwecken.

Lust auf Langeweile
Auch Michael* haben vor allem die kleinen Dinge bei der Bewältigung seiner Stresssymptome geholfen. Seit vierzig Jahren arbeitet er als Finanzbeamter. Als ihm eines Tages angeboten wurde, unter dem Deckmantel einer Beförderung den Job eines Kollegen zusätzlich zu übernehmen, konnte er nicht Nein sagen. Anfangs bereitete die neue Herausforderung ihm noch Spaß. Das legte sich jedoch, als seine Kollegen ihm nur noch mit Neid und Ablehnung begegneten. Er fühlte sich allein gelassen und bemühte sich umso mehr, alle Aufgaben bestmöglichen zu erledigen. Das Geld, das er durch die neue Stelle mehr verdiente, konnte diese Doppelbelastung jedoch nicht einmal ansatzweise aufwiegen. Der enorm hohe Leistungsdruck quälte ihn und zog erhebliche Schlafprobleme nach sich. Von heute auf morgen konnte er dann einfach nicht mehr zur Arbeit fahren. Er setzte sich morgens zwar zur gewohnten Zeit ins Auto, drehte jedoch auf halber Strecke wieder um. Sein Arzt schrieb ihn mehrere Wochen krank und riet ihm, viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen und mit Leuten über Themen fernab der Arbeit zu sprechen. Inzwischen hat Michael die Stelle gewechselt. Zur Arbeit geht es zwar immer noch nicht wieder so gerne wie früher, doch inzwischen nimmt er die Dinge einfach nicht mehr so persönlich, wie er sagt. Dabei hat ihm eine Therapie sehr geholfen, weil er hier gelernt hat, die nötige Distanz zwischen Arbeit und Privatleben wiederherzustellen. Und auch die Freude an der Kunst hat er hierdurch für sich wiederentdeckt. Heute malt er gerne, fotografiert oder geht spazieren. Diese einfachen Dinge geben ihm die Kraft zurück, die ihm der stressige Arbeitsalltag häufig doppelt und dreifach raubte.

Auch Lukas hat es geholfen, sein Leben grundlegend zu überdenken. Irgendwann hätte ihn der Leistungsdruck, den seine Vorgesetzten tagtäglich auf ihn ausübten, seelisch kaputt gemacht. Deshalb hat er die Reißleine gezogen. Die Zeit, in der er krankgeschrieben war, beschreibt er heute als sehr positiv. Endlich hatte er die Möglichkeit, jenen Dingen nachzugehen, die ihm wirklich Spaß machten, und das tat ihm gut. Er krempelte sein Leben um, zog fürs Studium in eine andere Stadt und konnte sich auf diese Weise ein tolles, neues Umfeld schaffen, das ihn als Person schätzt und in jeder Lebenslage unterstützt.

Burnout kann jeden treffen
Wie sich zeigt, ist Burnout nicht einfach nur ein Medienhype, der morgen möglicherweise schon wieder passé ist. Dennoch handelt es sich hierbei nicht um eine klar definierbare Krankheit, wie es hingegen beispielsweise bei einer Depression der Fall ist. Beides kann zwar miteinander einhergehen, trotzdem ist das Burnout-Syndrom eher eine Schutzfunktion des Körpers, mit welcher er sich gegen andauernde Stresssituationen zu wehren versucht. Nicht jeder, der sich müde und unverstanden vom Chef fühlt, leidet automatisch unter Burnout. Trotzdem sollte man etwaige Anzeichen keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen. Im Werra-Meißner-Kreis bietet zum Beispiel die Tagesklinik Eschwege neben allgemeinen Informationen rund um das Thema Burnout auch zielgerichtete Therapiemöglichkeiten an. In jedem Fall ist es unerlässlich, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sich jener Dinge zu besinnen, die einem persönlich viel Freude bereiten – ohne die Bewertung der eigenen Leistung und ohne Druck.
Noëlle Bölling