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Mit Watze und Gertrud auf Entdeckertour

Hebenshäuser Ortschronist Lars Klein berichtet über seine Arbeit

Hebenshausen, heute Verwaltungssitz der Gemeinde Neu-Eichenberg, kann auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken. 802 erstmals erwähnt, lag der Ort stets im Grenzgebiet verschiedener Landesherren, gehörte bis 1821 zum Amt Ludwigstein-Witzenhausen und war lange Zeit auch Sitz einer jüdischen Gemeinde. Mit dem freiwilligen Zusammenschluss Neu-Eichenbergs am 1. Februar 1971 endete die Eigenständigkeit. Doch die Geschichtsschreibung läuft weiter. Im Rahmen der Dorferneuerung, die vor zehn Jahren begann, schlossen sich interessierte Hebenshäuser zu einer Arbeitsgruppe Dorfchronik zusammen. Besonders innovativ sind dabei die digitale Form, in der die Ergebnisse präsentiert werden, sowie Erlebnistouren mithilfe von Audioguides. Treibende Kraft dahinter ist Ortschronist Lars Klein. Der 43-jährige Hobbyhistoriker kümmert sich seit elf Jahren um den Aufbau eines umfangreichen heimatkundlichen Archivs. Wir sprachen mit ihm über seine spannende ehrenamtliche Tätigkeit.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe Dorfchronik (v. l.): Jan Tino Demel, Sven Schreivogel, Ilona Rohde-Erfurth, Bettina Zimmermann, Lars Klein. Foto: privat

Zur Person

Lars Klein, 43 Jahre,
ist angestellter Ingenieur, verheiratet und hat zwei Kinder. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit
Informationstechnik
und der Geschichte seines Heimatortes Hebenshausen. Außerdem ist er in der Freiwilligen Feuerwehr Neu-Eichenberg sowie als Waldbauer aktiv.

Herr Klein, wie lange arbeiten Sie
bereits als Ortschronist? Wie kam es dazu?
Zurückzuführen ist dies auf die letzte Veranstaltung der Reihe „Dorfgeschichte(n) aus Neu-Eichenberger Ortsteilen“ des Geschichtsvereins Witzenhausen. Das war Anfang Oktober 2007. Seitdem sammle ich Bilder, Karten und Texte, scanne bzw. erfasse diese Quellen, um sie in digitaler Form zu sichern und für die Nachwelt festzuhalten. Im Rahmen der Dorferneuerung Hebenshausen (2008-16, Anm. d. Red.) wurden finanzielle Mittel zur Erstellung einer völlig neuartigen digitalen Chronik freigegeben. Ziel ist es, deren Inhalte übers Internet bereitzustellen – im Vergleich zu einem Buch eine schier unbegrenzte Darstellungsmöglichkeit!

Woher stammt diese Leidenschaft für Heimatkunde? Waren Sie schon immer geschichtsinteressiert?
Das Fach Geschichte hat mich bereits in der Schule sehr interessiert. Als Kind habe ich am liebsten meiner Oma Lucie zugehört, die oft ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg geschildert hat, unter anderem ihre dramatische Flucht aus ihrer alten Heimat.

Wie erhalten Sie Zugang zu den
verschiedenen Quellen?
Eine Vielzahl an Bildern und Dokumenten haben mir Hebenshäuser Bürgerinnen und Bürger direkt zur Digitalisierung überlassen, und auch unser gemeindeeigenes Archiv hatte einige Schätze zu bieten. Mittelalterliche Dokumente konnte ich beispielsweise im Hessischen Staatsarchiv Marburg ausfindig machen. Solches Material ist in der Regel recht kostengünstig in Kopieform zu erhalten. Durch unsere Hauptsponsoren EAM und VR-Bank Werra-Meißner hatten wir eine gute Startfinanzierung, diese Mittel gehen aber langsam zu Ende.
Wie groß ist die Unterstützung seitens
der Bevölkerung und der Gemeinde?
Sehr groß, es gibt reges Interesse. Leider ist vor allem älteren Menschen die digitale Welt oftmals nicht zugänglich. Gerade aber diese Form hat dazu geführt, dass viele Menschen, deren Vorfahren in Hebenshausen gelebt hatten, plötzlich Zugang zu diesen Informationen erhalten haben. Unser weitester Kontakt reicht bis in die USA, nach Seattle. Die meisten dieser Geschichten konnte ich noch gar nicht online stellen. Aber die Chronik wächst und wächst. Durch die Dorferneuerung hat die Gemeinde Neu-Eichenberg einen Startimpuls gegeben und unterstützt das Projekt maßgeblich.

Nun sind Sie ja selbst kein gelernter Historiker. Wie gelingt es Ihnen, historische Quellen zu bewerten und richtig zu deuten?
Für die Region Nordhessen ist der Bezirksarchäologe Dr. Klaus Sippel zuständig. Er hat meine Fragen immer ausführlich beantwortet und auch Kontakte zu weiteren ehrenamtlichen Heimatforschern vermittelt, beispielsweise zu Ahnenforscher Thomas Blumenstein und Flurnamenforscher Roland Gernand. Aufgrund ihres fundierten Fachwissens waren die Neuentdeckungen rund um Hebenshausen überhaupt erst möglich.

Erklären Sie doch mal bitte die zwei Erlebnistouren mit Nachtwächter Watze und Freudenmädchen Gertrud!
Damit Geschichte und Geschichten nicht nur in einem Buch verstauben, hatte die Arbeitsgruppe Dorfchronik die Idee, an bedeutsamen Punkten im Ortskern und in der Gemarkung Schilder mit QR-Codes aufzustellen. Damit kann auch die „Generation Smartphone“ direkt vor Ort das Geschehene lesen und hören. Echte Tourführer haben wir nicht, stattdessen werden durch Scannen der Schilder Audiofiles aktiviert, die dann ein kurzes Hörspiel zur jeweiligen Station abspielen. Kommentiert werden die Ereignisse im Zuge der ersten Tour vom fiktiven Nachtwächter Watze sowie bei der geplanten zweiten Tour vom Freudenmädchen Gertrud. Tatsächlich hat es bis 1923 einen Nachtwächter gegeben, und über besagte Dame wird in einer alten Sage berichtet. Viel Freude bereitet hat mir auch unser Jahreskalender 2017. Durch Luftaufnahmen aus den Jahren 1957 und 2016 konnten wir die Entwicklung unseres Dorfes aus der Vogelperspektive zeigen.
Was hat es mit der Wüstung Bremerode und dem dortigen Kirchlein auf sich?
Die Entdeckung der Ortslage Bremerode nördlich von Hebenshausen gehört zu den wichtigsten Ergebnissen unserer Heimatforschung. Der „Sage vom Teufelsbad“ zufolge hätten die Menschen hier einem gottlosen und unsittlichen Lebensstil gepflegt. Schließlich sei der ganze Ort durch ein Unwetter zerstört worden. Infolgedessen hat Bremerode Jahrhunderte lang wüst gelegen und ist irgendwann gänzlich verschwunden. Nun konnten wir vor einiger Zeit die genaue Lage der früheren Kirche bestimmen. Um mehr über deren Ausmaße und vielleicht sogar den Ort als solches zu erfahren, wäre eine Prospektion dieser Fläche mittels Bodenradar wünschenswert.

Wieviel Freizeit nimmt diese Aufgabe
in Anspruch?
Oftmals arbeite ich abends an der Chronik, damit habe ich tagsüber direkt nach Feierabend bzw. an den Wochenenden Zeit für meine Familie. Bei Erkundungen durchs Gelände begleitet mich häufig mein Sohn Lukas, der auch schon kleine archäologische Funde gemacht hat. Die Recherche, das Scannen der Bilder und Karten sowie das Erfassen schriftlicher Quellen nimmt viel Zeit in Anspruch. Leider komme ich mit der Aktualisierung der Homepage nicht so schnell voran, wie ich es mir selbst wünsche würde.

Welche Planungen gibt es für die Zukunft?
Derzeit bereiten wir die neue Tour mit Freudenmädchen Gertrud vor, eine etwa zehn Kilometer lange Wanderstrecke mit 20 Stationen innerhalb der Gemarkung Hebenshausen. Fertigstellung ist für 2019 geplant. Außerdem ist eine spezielle Feuerwehr-Tour in Arbeit. Größtes Wunschprojekt wäre für mich natürlich die Prospektion Bremerodes. Um Sponsoren dafür zu finden, habe ich eine Projektbeschreibung mit dem Titel „Terra B“ erstellt, inspiriert durch die TV-Reihe „Terra X“, in der über archäologische Forschung berichtet wird. (Sven Schreivogel)
Mehr Infos gibt es im Internet: www.heimatgeschichte-hebenshausen.de